Die Vorbereitungen für meine lange Reise begannen schon im September 2006, ein dreiviertel Jahr vor meinem Abflug. Unser Klassenlehrer stellte uns das Angebot einer Austauschorganisation vor. Ich war begeistert! Es gab in jedem Kontinent Länder, in die man reisen kann. Ich interessierte mich am meisten für Südamerika.
Bald hatte ich auch meine Eltern überzeugt und Herr Ammann ermutigte mich in meinem Vorhaben. Nach einem Auswahl- und mehreren Vorbereitungswochenenden, Einkäufen, Untersuchungen und Impfungen, saß ich am vierten Juli endlich im Flieger.
Nach einem kurzen Willkommens- Camp im tropischen Santa Cruz, ging die Reise weiter in den kalten Süden Boliviens, in die Provinzhauptstadt Tarija.
Ich war wahnsinnig aufgeregt, denn nun würde ich meine Gastfamilie kennen lernen.
Am Anfang kam mir alles fremd vor: das Essen, die Sprache, die Schule, das Familienleben,
überall roch es anders, Taxifahrer hupten, Straßenhunde bellten und von überall war ungewohnte Musik zu hören. Die Fülle der neuen Eindrücke ließ mich nicht zur Ruhe kommen, erst nach einigen Tagen dachte ich wieder an zu Hause.
Richtiges Heimweh bekam ich zum Glück kaum und so konnte ich mich nach und nach an mein neues Leben gewöhnen.
Jeden Samstag trafen wir uns mit der ganzen Familie bei meiner Gastoma Yolita zum Mittagessen. An dem langen Holztisch, der durch das ganze Wohnzimmer ging, saßen gut 20 meiner Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, Geschwister, meine Eltern und Freunde der Familie. Jeder erzählte, was er in der Woche erlebt hatte. Erst wenn die Erdnusssuppe auf den Tisch kam, mit der das Mahl meistens begann, wurde es etwas ruhiger. Doch nach dem Essen wurde es dafür umso lauter, wenn mein Onkel Juanqui, mein Gastvater Yiyo und meine Cousins Carlitos, Marcelo und Fernando ihre Gitarren auspackten und alle zu singen begannen. Erst am frühen Abend gingen die ersten nach Hause.
Natürlich ging ich in Bolivien auch zur Schule. Ich bekam eine Schuluniform, die den Normen der streng katholischen Schule entsprach. An der Schule war Respekt, Ordnung und Autorität wichtiger, als ich es aus Deutschland kannte. Jeden Morgen gab es einen Appell im Hof der Schule, bei dem sich die Schüler nach Klasse und Körpergröße in Reihen aufstellten.
Es wurde gemeinsam gebetet, die Nationalhymne gesungen und der Direktor eröffnete den Schultag. In der Schule ist es üblich, dass der Lehrer den Unterricht hält und die Schüler zuhören und mitschreiben. Zwar langweilte ich mich am Anfang in der Schule, weil ich kaum etwas verstand, doch lernte ich dort viele meiner neuen Freunde kennen.
Nach fast einem Monat wurde ich zum ersten Mal von ein paar Klassenkameradinnen zum Eisessen eingeladen. Um fünf sollte ich bei Mecha sein. Aber in Bolivien gehen die Uhren anders. Also ging ich erst eine halbe Stunde später, um sicher nicht zu früh zu kommen.
Bei Mecha angekommen, musste ich feststellen, dass sie noch im Bett lag und schlief.
Die anderen Mädchen trafen gegen sieben nach und nach bei ihr ein.
Von da an ging ich immer mindestens eine Stunde später zu Verabredungen mit Freunden.
Wir haben uns oft getroffen um etwas essen oder trinken zu gehen, um zu quatschen oder Pizza zu backen. Doch am meisten freute ich mich immer auf die Wochenenden, denn dann wurde gefeiert. Mit dem sonderbaren Rhythmus der Musik und der bolivianischen Art zu tanzen, tat ich mich am Anfang noch etwas schwer. Doch nach einigen Nachhilfestunden, die mir meine Gastschwester in der Küche gab, fühlte ich mich in der Disco, auf Straßenfesten oder Geburtstagen immer wohler. Zum Glück, denn in diesem Land wird kein Anlass zum feiern, musizieren und tanzen ausgelassen.
Als nun der Tag meiner Abreise immer näher kam, merkte ich erst richtig, wie sehr mir meine Freunde und vor allem aber auch meine Familie ans Herz gewachsen waren. Allerdings waren es nicht nur die Personen, die ich vermissen würde, sondern auch die fröhliche, leichte und unbesorgte Art zu leben, wie ich sie in diesem Jahr kennen gelernt hatte.
Jetzt bin ich schon wieder seit mehr als einem halben Jahr in Deutschland.
In meine alte Klasse habe ich mich wieder gut eingelebt und den versäumten Stoff habe ich so weit aufgeholt. Im Sommer möchte ich meine Gastfamilie besuchen. Ich vermisse sie immer noch sehr und die Erinnerungen an meine Zeit in Bolivien begleiten mich hier jeden Tag. Das Jahr in diesem fremden Land, ohne Eltern und Freunde von zu Hause, haben mich doch ein Stück weit verändert und geprägt.
Wenn du auch Lust hast, eine fremde Kultur und ein neues Leben kennen zu lernen, kann ich dich dazu nur ermutigen. Denn die Erfahrungen, die du dort sammelst sind fürs Leben und die kann dir keiner mehr nehmen.



